Auswirkungen von Gewalt in der Erziehung

Jede Gewalthandlung verletzt Kinderrechte

Jede Gewalterfahrung verursacht Leid und stellt eine Verletzung der Würde und der körperlichen und psychischen Integrität bei Kindern und Jugendlichen dar. Dies sind grundlegende Rechte, die jedem Kind zustehen und durch die Bundesverfassung und die UNO-Kinderrechtskonvention geschützt werden (Bericht des Bundesrates 2012: 19).

Folgeerscheinungen von Gewalt in der Erziehung

Ob Gewalthandlungen konkrete Auswirkungen auf das betroffene Kind haben, ist situationsabhängig. Dabei sind unter anderem das Alter und die Widerstandsfähigkeit (Resilienz) des betroffenen Kindes sowie die Intensität und Häufigkeit der Gewalthandlung von Bedeutung. Gewalt in der Erziehung kann schwerwiegende Auswirkungen auf die emotionale und soziale Verfassung und die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen haben.

So zeigen Kinder und Jugendliche, die Gewalt in der Erziehung erlebt haben...

  • häufiger aggressive Verhaltensweisen als Kinder, die keine Gewalt erlebt haben (Cohen, Brook, Cohen, Velez, Garcia 1990: 242);
  • eine höhere Wahrscheinlichkeit, im Erwachsenenalter selbst zum Täter (z.B. häuslicher oder sexueller Gewalt) oder allgemein straffällig zu werden (Gershoff 2002: 539);
  • ein reduziertes psychisches Wohlbefinden und geringes Selbstwertgefühl / Selbstvertrauen (Schöbi, Kurz, Schöbi, Kilde, Messerli, Leuenberger 2018);
  • ein erhöhtes Risiko, im Erwachsenenalter psychische Störungen wie Depression, Ängste bis hin zu Suizidgedanken, Alkoholismus, Drogenabhängigkeit, Essstörungen und andere schwere Persönlichkeitsstörungen zu entwickeln (MacMillan, Boyle, Wong, Duku, Fleming, Walsh 1999: 805-809);
  • eine langsamere kognitive Entwicklung und schulische Leistungsschwächen. Häufig treten nach Gewalterfahrungen auch sprachliche Beeinträchtigungen auf. Dies hängt damit zusammen, dass die kindliche Gehirnentwicklung durch körperliche Gewaltanwendung beeinträchtigt werden kann (Straus, Paschall 2009: 459-483);
  • als Folge traumatischer Ereignisse (z.B. bei sexuellem Missbrauch) akute Belastungsstörungen (Schockzustand), welche sich längerfristig zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung entwickeln können (Fegert, Hoffmann, König, Niehues, Liebhardt 2015: 147-150).

Psychische Gewalt ist ebenso schädlich wie körperliche Gewalt

Die Auswirkungen psychischer Gewalt werden regelmässig unterschätzt oder gar verharmlost. Oft haben verbale Missachtungserfahrungen (wie Demütigung, Beschimpfung, Ignorieren, Erniedrigung, Liebesentzug, Drohung, Verängstigung usw.) gar schwerwiegendere Auswirkungen auf die emotionale Verfassung von Kindern als körperliche Gewalt (Ziegler 2013).
Unter psychischer Gewalt ist auch das Miterleben von elterlicher Paar- und Trennungsgewalt (eskalierende Trennungssituationen, wobei Kinder instrumentalisiert werden oder Gewalt in Übergabesituationen bei Besuchskontakten) zu verstehen (EBG 2015).

Mehrfache Betroffenheit durch Gewalt

Oft treten unterschiedliche Gewaltformen wie körperliche Gewalt, Vernachlässigung, psychische Misshandlung und sexueller Missbrauch nicht alleine, sondern gleichzeitig oder zeitlich gestaffelt auf (Fegert, Hoffmann, König, Niehues, Liebhardt 2015: 44-45). So sind beispielsweise Fälle von Vernachlässigung oder sexuellem Missbrauch regelmässig auch mit psychischer Gewalt verbunden. Häufig sind gerade Kinder und Jugendliche, die bereits mit verschiedenen Risiken und Problemen belastet sind und daher wenig Schutzfaktoren aufweisen, besonders gefährdet, erneut Opfer von Gewalt zu werden. Daher ist es wichtig, belasteten Kindern und Jugendlichen frühzeitig Unterstützung zukommen zu lassen.