Handlungsanleitungen gegen häusliche Gewalt

Wir alle streiten uns, das gehört zum Zusammenleben. Während der Corona-Pandemie leben wir in der Familie viel näher zusammen, als wir uns das gewohnt sind. Diese Wohnsituation kann zu Aggression und Gewalt führen. In Beziehungen streitet man sich unterschiedlich. Wenn Meinungsverschiedenheiten zwar hitzig aber fair diskutiert werden, können die Kinder viel Positives daraus lernen. Ist der Umgang in der Familie jedoch zu körperlich und führt zu seelischen Verletzungen, dann ist eine Grenze überschritten.

Allgemeine Handlungsanleitungen

Diese Handlungsanleitungen unterstützen Sie und Ihre Familie in der Zeit der Isolation. Stellen Sie für den neuen Alltag eine Tagesstruktur auf, und setzen Sie für alle erreichbare Ziele. Struktur hilft gegen Chaos, gibt Sicherheit und stärkt in Stresssituationen.

  • Halten Sie eine Tagesstruktur ein! Bleiben Sie nicht im Pyjama, sondern stehen Sie auf, und ziehen Sie sich an. Halten Sie die üblichen Essens-, Schlafens-, Arbeits- oder Lernzeiten ein, bzw. passen Sie Ihre Tagesstruktur an die aktuelle Situation an.
  • Planen Sie Ihren Tag, denn durch geplantes Handeln hat man das Gefühl, einer Situation nicht hilflos ausgeliefert zu sein, sondern diese aktiv zu gestalten.
  • Konsumieren Sie Medien bewusst und gezielt! Seriöse und klare Informationen geben Orientierung und Sicherheit. Vermeiden Sie ununterbrochenen Medienkonsum.
  • Besinnen Sie sich auf Ihre Stärken! Ihre eigenen Ressourcen helfen, Krisensituationen durchzustehen. Schöpfen Sie Kraft aus allen positiven Erfahrungen, die Sie in Ihrem Leben gemacht haben, denken Sie an alle überwundenen Hürden, und besinnen Sie sich auf Ihre Stärken und Talente.
  • Bewegen Sie sich! Bewegung bewirkt Wunder im Kopf und wirkt sich positiv auf unsere Psyche aus. Sport ist auch auf engem Raum möglich: Videos im Internet liefern Anregungen und Trainingsprogramme.
  • Bleiben Sie in Kontakt mit Menschen, die Ihnen wichtig sind. Tauschen Sie sich telefonisch oder im Videochat über positive Nachrichten aus, und planen Sie gemeinsame Aktivitäten für die Zeit nach «Social Distancing». Verbundenheit mit der Familie oder dem Freundeskreis gibt Halt.
  • Nehmen Sie sich täglich fixe Arbeiten vor (z.B. Familien- und Spielzeit oder Sport).
  • Starten Sie grössere und kleinere Projekte, die Sie bisher aufgeschoben haben (z.B. den Balkon in Schuss bringen, Kleider aussortieren).
  • Planen Sie genau ein Highlight pro Tag, auf das Sie sich freuen können (z.B. in der Küche zum Lieblingslied richtig laut singen).
Eltern und Erziehungsberechtigte finden auch in der Elternbroschüre CompAct (erhältlich in 13 verschiedenen Sprachen) wichtige Hinweise, wie sie auch in herausfordernden Zeiten und Situationen einen kühlen Kopf bewahren können: CompAct: Informationen für Eltern.
Wie unterstützen und stärken wir die Kinder?

Planen Sie mit Ihren Kindern den Alltag, der nun zu Hause und nicht in der Schule mit Freundinnen und Freunden stattfindet. Damit die Situation mit Homeschooling und Homeoffice für die ganze Familie gut zu bewältigen ist, sind auch für Kinder Regeln und Strukturen wichtig.

  • Limitieren Sie gemeinsam mit dem Kind die «Screen-Zeiten» für Fernsehen, Mobiltelefon oder Computer.
  • Planen Sie klare Lern- und Freizeiten.
  • Definieren Sie klar abgegrenzte Stunden, in denen sich jede/r alleine beschäftigt.
  • Machen Sie gemeinsame Aktivitäten.
  • Schaffen Sie Rückzugsmöglichkeiten, um Konflikte zu verhindern bzw. zu reduzieren.
  • Bieten Sie Ihrem Kind Gelegenheiten zur körperlichen Betätigung im Rahmen der aktuellen Möglichkeiten.
  • Erarbeiten Sie gemeinsam Regeln, wie die gemeinsame Zeit bestmöglich genutzt werden kann.
  • Erklären Sie Ihrem Kind in altersgerechten Worten die aktuelle Situation: Hier finden Sie Tipps von feel-ok.ch und ein Video, das an Kinder gerichtet ist und verständlich erklärt, was das Coronavirus ist, was es tut und wie man sich schützt.
  • Akzeptieren Sie, wenn Ihr Kind anhänglicher ist als sonst, und kommen Sie diesem Bedürfnis Ihres Kindes nach. Es braucht gerade jetzt Sicherheit und Geborgenheit.
  • Versuchen Sie, Ihr Kind durch Lob positiv zu verstärken und zu erwünschtem Verhalten zu motivieren.
Es gibt immer eine Alternative zur Gewalt
Besuchen Sie unsere Seite "Handlungsalternativen für starke Eltern".
Was können Sie tun, wenn Sie von Gewalt betroffen sind?

Leiden Sie oder Ihre Familie unter gewalttätigem Verhalten Ihres Partners oder Ihrer Partnerin? Auch in der Isolation oder Quarantäne sind Sie nicht allein und können sich Hilfe holen. Ihr Wille, die Situation ändern zu wollen, ist ein Zeichen von Stärke. Sie können viel tun, um die Gewalt zu beenden.

  • Rufen Sie die Polizei 117 oder den Notruf 112 an. Melden Sie sich auch bei einem drohenden Konflikt. Akut bedroht zu sein, bedeutet nicht, dass bereits Verletzungen passiert sein müssen. Speichern Sie die Nummer so, dass sie griffbereit ist.
  • Machen Sie sich bei Nachbarn bemerkbar.
  • Reden Sie darüber! Mit Freundinnen, Freunden, Verwandten oder mit einer Beratungsstelle. Darüberreden und Sich-Unterstützung-Holen sind wichtige Schritte, um die Gewalt zu stoppen. Wenn Sie nicht anrufen können, bereiten Sie eine Nachricht vor, die Sie im Notfall abschicken können.
  • Sorgen Sie für sich und für Ihre Kinder.
  • Bereiten Sie einen Notfallplan vor, den Sie sofort ausführen können, wenn Sie die ersten Anzeichen für einen drohenden Konflikt bemerken. Hier finden Sie Hinweise für einen Notfallplan. Opferhilfestellen beraten Sie auch beim Erstellen des Notfallplans. Folgende Empfehlungen haben sich bewährt:
    • Bewahren Sie Ihre persönlichen Sachen (Identitätskarte, Bankkonto, Aufenthaltsbewilligung, andere Ausweise und Dinge, die Ihnen wichtig sind) an einem sicheren Ort auf.
    • Bereiten Sie eine Notfalltasche vor, mit allem, was Sie und Ihre Kinder brauchen.
    • Klären Sie ab, zu wem Sie im Notfall gehen können (zu Ihren Eltern [nicht, wenn diese zur Risikogruppe gehören], Nachbarinnen und Nachbarn, Verwandten, Freundinnen und Freunden) und wie Sie ein Notsignal senden könnten. Wenn Sie niemanden im persönlichen Umfeld haben, rufen Sie Tel. 143 an (die Dargebotene Hand: vertraulich, anonym und telefonisch 24 Stunden erreichbar) oder melden Sie sich bei einer Opferberatungsstelle, beim Frauenhaus in Ihrer Nähe oder bei einem Männer- und Väterhaus.

Hier finden Sie eine Übersicht zu den Beratungsstellen.

Simona erklärt in ihrem Portraitfilm aus der audiovisuellen Themenmappe «Es soll aufhören!» wie sie die häusliche Gewalt erlebt hat und was sie dagegen unternommen hat

Wie stärke ich Kinder im Kontext von häuslicher Gewalt?

Auch wenn Kinder die Gewalt nicht direkt sehen: Sie bekommen viel mehr mit, als die Eltern annehmen und sich bewusst sind. Denn Kinder nehmen Stimmungen sehr feinfühlig wahr – auch wenn sie unbeteiligt wirken. Kinder, die in einem gewalttätigen Klima aufwachsen, sind in einem Dilemma: Einerseits lieben sie ihre Eltern und sehnen sich nach deren Nähe und Geborgenheit. Andererseits fürchten sie sich vor dem gewalttätigen Elternteil und haben gleichzeitig Angst um den anderen Elternteil und/oder um die Geschwister und wollen diese beschützen. Dies ist nicht ihre Aufgabe. Diese Kinder müssen selbst geschützt und unterstützt werden. Sie brauchen daher Eltern, die

  • mit ihnen über die Gewalt sprechen;
  • ihnen bestätigen, dass Gewalt nicht in Ordnung ist;
  • ihnen sagen, dass sie keine Schuld tragen;
  • ihre Fragen offen und ihrem Alter entsprechend verständlich beantworten;
  • sie mit ehrlichem Interesse fragen, wie es ihnen geht – sie damit aber nicht bedrängen, sondern akzeptieren, wenn die Kinder schweigen wollen.

Es gibt auch Angebote speziell für Kinder, bei denen sie alleine oder in der Gruppe über ihre Erlebnisse sprechen können. Hier finden Sie Adressen.

Wenn Kinder niemanden haben, mit dem sie offen sprechen können, stellen sie sich manchmal in ihrer Fantasie jemanden vor. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern im Gegenteil ein Zeichen von Stärke und innerem Reichtum. Es ist deshalb wichtig, Kindern diese Fantasiefreundinnen und -freunde zu lassen. Auch Lisa erzählt in ihrem Portraitfilm aus der audiovisuellen Themenmappe «Es soll aufhören!» von ihrer Fantasiegrossmutter, der sie alles erzählt hat.

Kinder brauchen Eltern, die mit ihnen zusammen überlegen, wie sie sich in einer Gewaltsituation Hilfe holen können. Zum Beispiel könnte ein jüngeres Kind die Telefonnummer seiner Grosseltern oder jene der Nachbarinnen/Nachbarn bei sich tragen und lernen, wie es die Nummer wählen kann. Ein älteres Kind kann zu den Grosseltern oder den Nachbarinnen/Nachbarn gehen oder sich an eine Beratungsstelle wenden. Hier geht es zu den Beratungsstellen für Kinder.

Wie Kinder Partnerschaftsgewalt erleben, schildern Betroffene eindrücklich in den Portraitfilmen der audiovisuellenThemenmappe «Es soll aufhören!».

Wie können Bezugspersonen ein Kind schützen/stärken?

Sind Sie selbst in einem gewalttätigen Umfeld, und sind Kinder involviert? Dann bleiben Sie auch jetzt mit der Familie und dem Freundes- und Bekanntenkreis in Kontakt (über Videotelefonie). Auch Lehrpersonen, Schulsozialarbeitende, Nachbarinnen und Nachbarn sind wichtige Personen. Eine solche Person kann dem Kind helfen, für sein Erleben Worte zu finden und seine Erfahrungen einzuordnen. Diese Person kann dem Kind auch ganz konkret Schutz anbieten für den Fall, dass zwischen den Eltern Gewalt ausbricht. Kinder rufen in der Regel nicht selbst bei einer Beratungsstelle an, sondern öffnen sich eher einer Vertrauensperson gegenüber. Deshalb ist es wichtig, dass diese Person weiss, was sie tun kann. Hier geht es zu den Hilfsangeboten für Kinder: Notfalladressen.

Weitere hilfreiche Adressen.

Kindern die Angst nehmen

Ein offenes Ohr anbieten kann manchmal auch einfach bedeuten: sich für das Kind interessieren, Zeit mit dem Kind verbringen, mit ihm spielen. Kinder haben gute Gründe zu schweigen. Hilfe zu holen, kann für Kinder ein Risiko sein, weil …

  • Kinder von ihren Eltern abhängig sind und meistens nicht abschätzen können, was passiert, wenn sie sich Hilfe holen. Oft haben sie grosse Angst davor, dass sie danach ins Heim kommen.
  • Kinder ihre Eltern lieben und sie nicht in Schwierigkeiten bringen wollen. Oft haben sie grosse Angst davor, dass sie ihre Eltern ins Gefängnis bringen.
  • den Kindern manchmal von den Eltern verboten wird, mit anderen Personen über die Gewalt zu sprechen. Und Kinder haben Angst davor, ihre Eltern zu enttäuschen, wenn sie gegen dieses Verbot verstossen.
  • Bei sehr jungen Kindern kann Schweigen auch andere Gründe haben, zum Beispiel:
    • Das Kind erkennt (noch) nicht, dass das, was es zu Hause erlebt, ungut ist.
    • Das Kind vertraut (noch) nicht darauf, dass es ernst genommen wird und etwas bewirken kann.
    • Das Kind weiss (noch) nicht, wie und wo es sich Hilfe suchen kann.
Was kann ich tun gegen Konflikte und Gewalt?

Warten Sie nicht, bis es zu spät ist. Versuchen Sie, rechtzeitig die Anzeichen Ihres steigenden Ärgers oder eines drohenden Konfliktes zu erkennen. Anzeichen dafür, dass die innere Anspannung steigt, können beispielsweise die heisse Stirn, der verkrampfte Kiefer, die geballten Fäuste, die schwitzigen Hände und/oder das Kribbeln im Bauch sein. Achten Sie auf solche Anzeichen, bevor es zu spät ist. Negative Emotionen, Anspannung und Aggressionen sind in Ausnahmesituationen normal. Gefährlich wird es erst, wenn man sie auslebt. Also, leben Sie Gewalt nicht aus. Reagieren Sie frühzeitig richtig:

  • Wenn möglich, gehen Sie in ein anderes Zimmer. Atmen Sie tief durch, oder gehen Sie an die frische Luft, um die innere Anspannung abzubauen.
  • Die Gewalt ist das Problem – nicht der Ärger. Achten Sie darauf, was in Ihrem Inneren abläuft und warum Sie sich so fühlen. Finden Sie heraus, welches Bedürfnis sich hinter Ihrem Ärger versteckt.
  • Sprechen Sie über dieses Bedürfnis, ohne dabei andere Personen zu beleidigen, zu beschuldigen oder anzugreifen.
  • Seien Sie ehrlich, und reagieren Sie, wenn Sie merken, dass die Situation Sie überfordert und Sie in der Folge gewalttätig werden.
  • Finden Sie eine Aktivität, bei der Sie abschalten und sich entspannen können: Sport, Joggen, Handwerken, Musikhören, Malen und/oder gute soziale Kontakte können dabei helfen.
  • Telefonieren Sie mit einem Freund/einer Freundin, und sei es nur, um mal wieder mit jemand anderem zu sprechen. Oder wählenSie Tel. 143 (die Dargebotenen Hand: vertraulich, anonym und 24 Stunden erreichbar).
  • So oder so: Kehren Sie nicht zu Ihrer Familie zurück, bevor Sie sich wieder beruhigt haben, und erst dann, wenn Sie mit Sicherheit eine gewalttätige Handlung ausschliessen können. 

Unsere Alternativen gegen Gewalt.

Martin erzählt in seinem Portraitfilm aus der audiovisuellen Themenmappe «Es soll aufhören!» was ihn dazu gebracht hat, Gewalt auszuüben, was dies für ihn und seine Familie bedeutet hat und was er gegen die Gewaltausübung unternommen hat.

Was tun, wenn Sie vermuten, dass Gewalt passiert?

Vermuten oder wissen Sie, dass jemand in Ihrem Umfeld von Gewalt in der Partnerschaft betroffen ist? Hören Sie heftige Streitereien mit Schreien und/oder Weinen in Ihrer Nachbarschaft? Gerade in der Zeit der Isolation ist es wichtig,  gut hinzuhören und hinzusehen, denn für die Betroffenen ist es noch schwieriger, Hilfe zu holen.

So können Sie helfen:

  • Handeln Sie vorsichtig, und retten Sie die betroffene Person nicht allein. Sofort handeln ist dann sinnvoll, wenn es sich um einen akuten Notfall handelt (z.B., wenn eine Person bedroht wird): Rufen Sie in diesem Fall den Notruf (112) oder die Polizei (117).
  • Sie können sich bei einem Verdacht oder als Mitwisserin oder Mitwisser von einer Beratungsstelle unterstützen lassen. Hier finden Sie hilfreiche Notfalladressen und weitere Angebote.
  • Häusliche Gewalt ist keine Privatsache. Auch hier gilt: Lieber einmal zu viel etwas unternehmen als einmal zu wenig.
  • Ein offenes Ohr anbieten: Bleiben Sie in Kontakt mit den Betroffenen.