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Bindung und Sensitivität

Die Forschung zeigt, dass die frühen Erfahrungen von Kindern mit ihren Bezugspersonen* ihr Wohlbefinden jetzt und auch später im Leben grundlegend prägen. Eine sichere Bindung ist ein wichtiger und lebenslanger Schutzfaktor. Doch wie kann eine sichere Bindung gefördert werden?

*Bezugspersonen können die leiblichen Eltern sein, Adoptiveltern, Grosseltern, die Kitabetreuerin oder der Kitabetreuer. Das Kind macht wiederholt Erfahrungen mit diesen Personen und sie werden unersetzlich. Das bedeutet, dass diese Personen bei Angst, Unsicherheit, Trostbedürfnis als Schutz aufgesucht werden.

Studien zeigen, dass eine sichere Bindung verschiedene positive Eigenschaften fördert. So können unter anderem ein grösserer Selbstwert, eine grössere Widerstandfähigkeit gegenüber schlimmen Ereignissen im Leben (Resilienz), stabilere Freundschaften, bessere Schulleistungen und eine höhere Partnerschaftszufriedenheit aufgebaut werden.
Eine sichere Bindung zum Kind aufzubauen ist demnach sehr zentral. Was ist beim Aufbau einer solchen Bindung zu beachten?
Babies zeigen ihre Bedürfnisse unterschiedlich, beispielsweise durch wimmern, überstrecken oder sich die Augen reiben. Die Art und Weise, wie die Bezugspersonen auf die kindlichen Bedürfnis-Signale antworten, wird Sensitivität genannt. Eine hohe Sensitivität fördert eine sichere Bindung zum Kind.

Wichtig dabei ist:

  • Signale des Kindes wahrnehmen.
    • z. B. wimmern / Augen reiben.
  • Signale versuchen richtig zu interpretieren.
    • z.B. wimmern um die Aufmerksamkeit der Bezugsperson zu gewinnen (vielleicht, weil das Baby gelangweilt ist oder sich nach Körperkontakt sehnt) / Augen reiben als Ausdruck von Müdigkeit.
  • Prompt und zeitlich nah auf die Signale reagieren.
    • Möglichst sofort zum Kind hin gehen. Ist dies nicht möglich, kann die Bezugsperson zum Kind sprechen und ihm so zu verstehen geben, dass es wahrgenommen wird und gleich jemand kommt. So weiss das Kind, dass es mit seinem Verhalten verstanden wurde.
  • Angemessen reagieren.
    • z.B. mit dem Kind spielen oder am Körper tragen (z.B. in ein Tragetuch). Das Kind an einen ruhigen Ort in den Schlaf wiegen.
Lernt das Kind, dass seine Signale wahrgenommen, richtig interpretiert und angemessen beantwortet werden, gewinnt es an Sicherheit und Vertrauen. Sicherheit und Vertrauen sind der Nährboden für eine sichere Bindung. Das Kind lernt, dass es in ungewissen, beängstigenden Situationen Schutz und Sicherheit erhält.

Gut zu wissen: Im ersten Lebensjahr kann ein Kind nicht verwöhnt werden! Babies weinen nicht, um ihre Bezugspersonen zu nerven. Weinen ist ihre einzige Sprache und Art der Kommunikation. Babies kommen unreif auf die Welt und sind für das Überleben auf ihre Bezugspersonen angewiesen. Studien zeigen, dass das sensitive Eingehen auf die kindlichen Signale dazu beiträgt, dass Kinder sogar weniger weinen! Es ist daher sehr wichtig, dass die kindlichen Bedürfnisse ernst genommen werden. Dabei ist das Eingehen auf psychische Grundbedürfnisse – z.B. nach Spiel, Liebe, Annahme und Vertrauen – genauso wichtig wie das Eingehen auf physiologische Grundbedürfnisse wie z.B. Körperkontakt, Nahrung und Schlaf.

Starke Eltern sind nicht perfekt – sie holen sich Unterstützung!
Eltern stellen fest, dass es ihnen nicht immer gleich gut gelingt, geduldig mit sich und ihrem Kind umzugehen. Das ist normal, da unsere Alltagssituation (z.B. Stress bei der Arbeit) die Sensitivität mindern kann. Bei Fragen und Unsicherheiten können sie bei der Mütter-Väter-Beratungsstelle immer kostenlos Beratung und Unterstützung einholen. Weitere Beratungsangebote finden sind auf der Homepage von Kinderschutz Schweiz zu finden.

Kinder fühlen sich sicher und geborgen, wenn sie die Gewissheit haben, dass ihre Bezugspersonen sie lieben und unterstützen  – so wie sie sind und ohne die Furcht vor Strafen. Eine sichere Bindung zum Kind herzustellen ist nie zu spät!

Bücher
  • John Bowlby: Bindung als sichere Basis
  • Karl Heinz Brisch: SAFE Sichere Ausbildung für Eltern. Sichere Bindung zwischen Eltern und Kind
Links
Podcast